Touren

„Der radelnde Historiker“ …

Eigentlich trägt mein Doktorvater die Schuld. „Geht raus aus dem Elfenbeinturm“, forderte er uns Studenten zu Beginn der achtziger Jahre auf.  Prof. Carl-Hans Hauptmeyer, selbst ein sportlicher Akademiker, machte es vor. Er bewegte sich denn selbst auch gerne mal per Rad durch die Dörfer. So passte es gut, hatte ich doch nach meinem Magister-Abschluss an der Uni bereits von den Schaumburger Nachrichten das Attribut „der radelnde Historiker“ verpasst bekommen.

Der Grund: Ein Jahr lang war ich bereits mit dem Rad im Schaumburger Land unterwegs gewesen . Ein journalistischer Auftrag aus dem Niedersächsischen Sozialministerium aus der Reihe „Siedlungsstrukturen in Niedersachsen“ ließ mich die Landschaft auch aus der Fahrradperspektive kennen lernen. Ein angemessenes Tempo für Einblicke in die Dorfentwicklung, für viele Gespräche und Kontakte, für mehrere hundert Fotos von Fachwerk, Klinker, Beton und Grün. Ergänzend die lehrreichen Gespräche mit dem hannoverschen Architekten Joachim Deszyk mündeten in die Broschüre „Dörfer im Schaumburger Land“ (1988).

Mein Interesse an den Dörfern und den Menschen im ländlichen und kleinstädtischen Milieu bewog mich, bei Carl-Hans Hauptmeyer an der Uni Hannover eine Dissertation zu beginnen. Ich sollte mich um den historischen Part im Dorferneuerungsverfahren kümmern:  Als ein Aspekt des wissenschaftlichen Interesse spielte auch die Frage eine Rolle, ob Historiker konkret zur Dorferneuerung einen praktischen Beitrag leisten konnten. Und wieder besuchten mich spätere Kollegen:

Hauptmeyers Aufforderung „raus aus dem Elfenbeinturm“ – also gewonnene Geschichtserkenntnis gleich auch wieder in die Räume zu tragen, aus denen sie stammte – setzte ich sehr konkret, kleinteilig und handfest um. 1990 organisierte ich als einwöchigen Kurs der Volkshochschule Schaumburg die Tour „Geschichte erfahren“.

Für einen „Rundherum-Kursus“ erschien es mir allerdings notwendig, die starren Grenzen akademischen Handelns zu verschieben und Bewegung, Essen und Trinken mit der Phase der Wissensvermittlung zu kombinieren. Was heute übliche Praxis fast jeglicher „Erlebnistouren“ und ähnlicher Angebote ist, war damals noch äußerst ungewöhnlich. Und noch etwas war neu: Die Vermittlung historischer Fakten vor Ort bohrte ich zu einem gesamtkulturellen Angebot auf, so führten der Gruppe nicht nur Gutsherrn ihre Güter (u.a. Heyno von Münchhausen, Apelern) und Schlossherrn ihre Schlösser (Phillip Ernst zu Schaumburg-Lippe, Bückeburg), sondern z.B. Förster den Schaumburger Wald als Lebensraum, Pastoren ihre Kirchen. Wo kein lebender Experte oder Zeitzeuge greifbar war, bereitete ich mich vor, an Ort und Stelle zum Beispiel das Geheimnis der Hagenhufendörfer oder auch Umrisse des Schaumburger Bergbaues zu vermitteln.

Die sechs Tage folgten einem klaren Prinzip:

Morgens:  Anfahrt auf einen Parkplatz,

Fahrradtour – nachmittags

Einkehr in Parkplatznähe.

 

 

 

 

 

1991 folgte die VHS-Tour „Sagenhaftes Schaumburg“.

Erkenntnisse aus diesen Touren flossen in die Ausbildung der ersten Gästeführerinnen im Schaumburger Land ein.

In Zusammenarbeit mit der Schaumburger Landschaft e.V. entstand das Grundkonzept für die Kulturpfade und heutigen Themenrouten im Schaumburger Land (u.a. Fürstenroute), damals noch unter der (von der Schaumburger Landschaft vorgegebenen) Überschrift: „Mit Max und Moritz durch das Schaumburger Land“.

Aus dem Prä-Smartphone-Zeitalter stammen einige Konzepte für mp3-Player-unterstützte Touren mit der durchgängigen Intention, Regional- und Lokalgeschichte neueren Forschungsstandes und -kultur des jeweiligen Landstriches in Verbindung mit dem Internet für den Tourismus nutzbar zu machen.

Die „Fleckentour“ für die Gemeinde Hagenburg ist umgesetzt, weitere Projekte sind in Vorbereitung.

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